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Die Fashion Wundertüte - Wie Berliner Mode funktioniert

(Zitty BerlinBuch 2005)

Nachts irgendwo in Mitte. Der Türsteher des Clubs trifft seine Wahl zwischen den Leuten, die sich am Eingang drängeln. Die hierarchiefreien Zeiten sind auch in Berlin lange vorbei. Ein schöner junger Mann im Dolce&Gabbana-Anzug, die dunklen Haare akkurat mit Gel frisiert, ist erschüttert. Er ist abgewiesen worden und muss nun zusehen, wie zwei Jungs mit alten Turnschuhen, schlechter Körperhaltung und überdimensionalen Umhängetaschen mit einem lässigen kleinen Kopfnicken hereingewinkt werden. Der Mann kommt aus Düsseldorf, einer Stadt, in der Schönheit als Auswahlkriterium ziemlich weit oben rangiert.

Wer mit anderswo gültigen Vorstellungen von Mode nach Berlin kommt, ist verwirrt. Er verliert sein vertrautes Bezugssystem. Schön sein? Vergiss es. Passend gekleidet? Hm. Zeigen, was du dir leisten kannst? Ganz schlimm. Es gibt nur eins, was wirklich zählt und das ist: cool sein. Und cool sein ist sehr viel komplizierter als schick sein. Mit dem richtigen Paar Turnschuhe zum Beispiel kann man mehr Furore machen als mit den neuesten Manolo Blahnik Stilettos. Ein T-Shirt, auf dem der Name einer Band prangt, die vor langer Zeit ein einziges geniales Album gemacht hat, das kaum einer kennt, kann unter Umständen mehr Punkte bringen als ein Hemd aus der neusten Prada-Kollektion. Weil es nämlich nicht so sehr um Geld geht. „Klar", wendet der überzeugte Anti-Berliner gerne ein, „weil ihr ja alle kein Geld verdient." Womit er natürlich nicht Unrecht hat. Kein-Geld-haben ist eine Berliner Tatsache. Und es ist ein guter Nährboden für Kreativität. Denn wer gezwungen ist, aus Wenig das Beste zu machen, muss Ideen haben.

Open Space: Einfach etwas machen
Die Aufbruchsstimmung nach dem Mauerfall, das gemeinsame bei Null Beginnen und vor allem das große Angebot an Laden-, Galerie- und Wohnflächen, die mitten in der Stadt für minimale Mieten zu haben waren, zogen Kreative in Scharen an. Man musste weder Ahnung noch einen wirklichen Plan haben, der Wunsch „etwas zu machen" reichte aus. Mode machen konnte daher auch jeder, der eine Nähmaschine besaß. Wenn Stoff zu teuer war, holte man eben einen Haufen Klamotten aus der Altkleidersammlung und bastelte was daraus. Recycling-Mode,  wie sie Jörg Pfefferkorn oder Next G.+U.R.+U Now entwarfen, wurde zum Design-Trend der frühen 90er. Customizing, das Verändern und Gestalten von Textilien, ist immer noch Thema. „Racing & Tuning" heißt das etwa bei Florinda Schnitzel in Kreuzberg, wo man nicht nur die aktuelle Kollektion der Designerin Heike Ebner findet, sondern auch mitgebrachte Teile individuell gestalten lassen kann, die damit zu neuem Leben erweckt werden. Hier wird der experimentelle und improvisierte Charakter deutlich, die Nähe zum Kunstprojekt, die typisch ist für Berliner Mode. Das hat nicht nur mit dem gemeinsamen Pionier-Dasein der Nachwendezeit zu tun, sondern auch damit, dass keine funktionierende Textil-Industrie existiert, in deren Kontext man sich einbetten kann. Kunst dagegen ist überall. Gemeinsame Partys, gemeinsam genutzte Räume verbinden.

Die trashig bedruckten T-Shirts der Künstlerinnen und Musikerinnen Chicks on Speed sind weniger Kleidungsstücke als Bestandteile multi-medialer Kunst-Aktionen. Der kleine Laden von Starstyling in der Rosenthaler Straße ähnelt weniger einem Geschäft als viel mehr einem begehbaren Gesamtkunstwerk, an dem man teilhaben kann, indem man eines der zu Verkauf stehenden Teile aussucht. Sich cool anziehen bedeutet in diesem Sinne in erster Linie kulturelle Kompetenz beweisen.

Die neue Hauptstadt der Mode
N
ach ein paar Jahren kreativen Chaos und fröhlichen Dilettantentums begann sich die Szene zu konsolidieren. Bröckelnde Gebäude wurden saniert, die Mieten stiegen. Einige Designer konnten und wollten mehr als in irgendeinem Hinterhof T-Shirts die Ärmel abschneiden, schafften es, sich über die Stadtgrenzen hinaus zu etablieren. Berliner Labels wie Bless, Frisch, Firma, Soto/Stich, Thatchers, John de Maya oder Trippen sorgten für eine deutliche Verbesserung des Images, das deutsche Mode in der Welt genoss.

Im Januar 2003 kamen die Mode-Messen Bread & Butter und Premium, die von der internationalen Mode-Szene zunehmend ernst genommen werden. Obwohl die Bread & Butter im Sommer 2005 teilweise nach Barcelona verlegt wurde, kamen immerhin 26. 000 Besucher zur verkleinerten Berliner Ausgabe. Weitere 12.500 besuchten die Premium an ihrem neuen Standort am Gleisdreieck. Gerne wird von Berlin als der neuen Hauptstadt der Mode gesprochen.

„Die kommen doch alle nur zum Party machen", schimpft Klaus Unrath. „Bringen die Familie mit, amüsieren sich, aber Geschäfte gemacht werden anderswo." Unrath, Ende der 90er Assistent von Vivienne Westwood in London, kreiert gemeinsam mit Partner Ivan Strano Aufwändig-Extravagantes. Bei sämtlichen glamourösen Events der Hauptstadt, ob Gala-Modenschau im Schloss Bellevue oder Verleihung des deutschen Filmpreises, sind Unrath&Strano vertreten. Prominente wie Nadja Auermann oder Jette Joop lassen sich von ihnen ausstatten. Der Sitz des Labels mit Showroom ist der Kurfürstendamm, aber die Kundinnen kommen aus Düsseldorf, Moskau oder Dubai. „Berlin gilt als hip", klagt Unrath, „kann aber international nicht mitspielen. Es gibt nicht ein internationales Model in Berlin, die einflussreichsten Labels wie Armani oder Dolce&Gabbana sind nicht vertreten. Das sagt doch alles." 

„Berlin ist arm und das ist toll", findet dagegen Designer und Fashion Consultant Peter Seebacher, der 2000 aus Paris nach Berlin kam. Er hat in London Mode studiert, in Mailand, New York und Paris für große Modehäuser gearbeitet. In Berlin eröffnete er mit Karsten Fielitz und Sabrina Dehoff die Agentur vonRot, die internationale Kunden, darunter DKNY oder Moschino, in Sachen Gestaltung, Trends, Organisation und Entwicklung berät. Außerdem arbeiten sie an eigenen Kollektionen und organisieren Ausstellungen zum Thema Mode. Gerade die Tatsache, dass die Infrastruktur fehlt, dass alles noch unorganisiert ist, es keine festen Größen gibt, auf die man zurückgreifen kann, empfindet Seebacher als positiv. Das sei anstrengender, biete aber die Gelegenheit, das System mit zu entwickeln. „Man kann in Berlin unheimlich viel machen". Auch, weil man hier sehr günstig leben kann. „Die Chancen, dass es gelingt, sind genau so gut oder schlecht wie anderswo."

Seebacher genießt das Sub-Community-Gefühl, das er in Berlin findet, die Offenheit und Freundlichkeit. Doch ist er ein Profi, der sich für Design auf hohem Niveau einsetzt, das international ernst genommen wird. „Nicht der Berliner Larifari Alternativ-Quatsch, sondern extrem, avantgardistisch, anders." Als Art Director betreut er die Becks Fashion Show, ein hochwertiges Forum für Nachwuchs-Design. Er beobachtet ein wachsendes Bedürfnis nach Qualität. „Die Kindergartenzeit ist vorbei. Die Berliner als Modemitspieler werden erwachsen." Unprätentiös hochwertige Läden wie Bless, A.P.C. oder Konk eröffnen beiläufig neben Second-Hand-Shops und Dönerbuden. „Das hat eine Modernität, die durchaus eine Nähe zu Paris hat", findet Seebacher.

Im den Hinterhofläden von Andreas Murkudis hängen nur wenige ausgewählte Designerstücke. Darunter die Entwürfe des jungen Berliner Labels Pulver, das die vier Absolventinnen der FHTW Elisabeth Schotte, Franziska Schreiber, Therese Pfeil und Franziska Piefke 2002 gegründet haben. Von Anfang an setzen die vier auf höchste Qualität in Design und Verarbeitung, mit ihren schlicht-raffinierten Entwürfen wollen sie beständige Schönheit schaffen. Das Konzept scheint aufzugehen: Ihre vierte Kollektion hängt in ausgewählten Läden, nicht nur in Deutschland, sondern auch in New York und Tokio. „Wir leben und arbeiten in Berlin, aber unsere Ausrichtung ist international", sagt Therese Pfeil.

Große Teile der Berliner Bevölkerung bleiben davon allerdings offensichtlich unberührt. Eine Fahrt in der U-Bahn reicht aus, um auf den Boden der Tatsachen zu kommen. Ballonseide und Raubtierprints auf Viskose, soweit das Auge reicht, nicht eine Spur weltläufige Eleganz. „Es macht nichts, dass die Wirklichkeit, in der wir leben, mit dem Image nicht übereinstimmt. Der Alltag in Paris ist ja auch nicht wirklich romantisch", sagt der Designer Carl Tillessen, der gemeinsam mit Daniela Biesenbach sehr erfolgreich das Männermodelabel FIRMA betreibt, seit Januar 2005 mit eigenem Flagshipstore am Hackeschen Markt. Auch er weiß um die Schwierigkeiten, die eine fehlende Infrastruktur mit sich bringt. Im Gegensatz zu Mailand oder Antwerpen sitzen die Stoffhersteller und Produktionsstätten nicht im Haus nebenan. „Das macht es anstrengender, aber entscheidend ist das Image," sagt er. „Die Menschen möchten eine Story um das Kleidungsstück herum kaufen und Berlin hat eine tolle Story." Die Punkbewegung, das Wilde, Unangepasste, Subkulturelle hat eine große Anziehungskraft. Auch, ja gerade weil der dazugehörige Kleidungsstil so anti-schick ist.

Dass „Made in Berlin" als Vermarktungsgrundlage taugt, wissen auch Theresa Meirer und Jörg Wichmann, die im September 2003 in Friedrichshain das Design Kaufhaus berlinomat gegründet haben. Selbst Mode-Designer, wussten sie um die Schwierigkeit vieler Kreativer, sich zu vermarkten und schufen mit dem schön gestalteten Laden mit integrierter Lounge eine Plattform für junges Berliner Design. Viele der angebotenen Produkte haben direkten Berlin-Bezug wie die Silberketten mit Fernsehturmanhänger von East Berlin oder die „Ich bin ein Berliner" Shirts von Icke Berlin. Die taugen daher als ausgefallenes Souvenir ebenso wie als stolzer Ausdruck von Lokal-Patriotismus. Überregionalen Einkäufern werden „Berlin Pakete" verschiedener Designer angeboten, so dass sie nicht alle kleinen Ateliers einzeln abklappern müssen. Ein gutes Konzept, das offensichtlich angenommen wird. „Wir sind sehr zufrieden", sagt Meirer, macht sich aber keine Illusionen: „Das Geld ist total knapp und wird es wohl auch bleiben. Da ist viel Eigeninitiative gefordert."

Der schöne Düsseldorfer ist inzwischen nach Berlin gezogen. Er wohnt jetzt in einer sanierten Altbauwohnung am Helmholtzplatz, trägt die Haare etwas länger, das Gesicht etwas blasser und zu seinem Anzug ein T-Shirt, auf das jemand mit schwarzem Edding Gucci-Fake geschrieben hat. So geht das. Wie seine Nachbarn, die aus schwäbischen oder niedersächsischen Kleinstädten kommen, beherrscht er den Berliner Stil jetzt ganz gut. Was er nicht weiß: den echten Berliner Stil, also die vollständige Ignoranz in Modefragen, die absolute Wurschtigkeit in Bezug auf das eigene Äußere, die kann man nicht lernen. Dafür muss man hier geboren sein.